Gregor Kunz

Fremde Stimmen. Iason und Medeia.


Wer bist du? Er hört sie gut, die fremden Worte sprechen: Medeia.
Wer bist du? Sie weiß, was sie wusste bis eben, hier in Aia, Aiaia, Ephyra,
Medeia, die vertraute Worte spricht. Wer bist du? Sie sagt es und sagt es ihm nicht.
Hier in Korinth. Die Andere dem Anderen: Iason. Sollen sie reden. Soll reden, wer will.

I Iolkos: Phrixos und Pelias

Pelias schläft, er träumt: Übers dunkle Blau des Himmels ziehen Sternenherden, alle haben eine Richtung, sprühen Funken über Iolkos. Stehen bleibt ein Stern und wendet sich; kommt heran und hebt ihn aus dem schönen Bett des Königs, von den feuchten Fellen, Decken, Mänteln, lässt ihn schweben über Iolkos, zieht ihn an sich.
Näher heran, dann nah; es ist kein Stern, es kommt ein Tier zu Pelias, das leuchtet. Es ist ein Bock, groß wie ein Haus, das brennt; der läuft heran durch Lüfte, loht, ein Widder, den ein kleiner Reiter reitet, die Fäuste fest geschlossen um die Zotten.
Das Wunderwesen hält, der Reiter hebt die Hände. Nah schimmern sie am jungen Gesicht, das jäh ins Alter fällt und dort erstarrt; dann redet eine Maske, wie aus Blech gehämmert, spricht in fremden Lauten, in der Toten Sprache, deutlich, aber ohne Worte:

PHRIXOS: Phrixos bin ich, der Nephele Sohn und Sohn des Athamas, jetzt im Rand der Welt nicht mehr am Leben, in Aia nicht gestorben, wo der Gott der Sonne aus der Tiefe steigt, in seinen Wagen täglich, deinen Tag bringt. Von den Lebenden vergessen, bin ich zwischen hier und da und bin ich nicht. Weil niemand mich gerufen hat: Komm du jetzt übers Meer gefahren, Pferdelenker Pelias, hinein nach Aia, hole mich. Und hole, was ich dort gelassen habe in der Hut des dunklen Sonnensohns Aietes, in des Drachen Rachen: Die Haut, in der ich sitze.
Was mich brachte, brauchst du. Damit es weiter regnet in Thessalien und du, König, König bleibst. Hol den Aioliden Phrixos, bring mich, Aiolide, in die Welt zurück. Du musst. Sieh her!

Dann schüttelt er den Schuh vom Fuß und die Sandale fällt und Pelias fällt, stürzt durch die Nacht, für Jahre; er erwacht in Schweiß und lacht und weint und fürchtet sich.
Pelias weiß, was alle wissen, doch mehr noch und noch anderes, denn er ist König. Phrixos ging aus Orchomenos fort, nicht weil er wollte. Es floh der Sohn der Wolke, flog übers Meer und an den Rand der Welt, dann weiter, vor dem üblen Sterben in die Anderwelt, in die am Ende alle kommen und in der die meisten bleiben.
Pelias weiß, der Dunkle mit der dunklen Mähne, die jetzt weiß geworden ist, weiß wie Salz und Meerschaum, alter Schnee, dies war ein Wahrtraum. Ausgetreten aus der Sonne morgens oder abends, gegangen durch das Tor der Hörner.

PELIAS: Wahr wird, was ich träumte, ich, der Sohn des Gottes aus der Tiefe, des Pferdegotts Poseidon, der die Erde beben lässt. Deshalb träumte ich, damit es wahr wird; ich, der das Meer nicht kennt, doch fürchtet: Ich soll übers Meer und dann noch weiter.

Spricht jetzt in den dunklen Spiegel, in den Brunnen, in die blauen Flammen unterm Kessel, in polierte Bronze, spricht in der Anderwelt, sich an.

PELIAS: Ich kann nicht... Ich kann nicht weg aus Iolkos. In Iolkos gibt es Männer, Frauen, Kinder, die den König brauchen. Ich aber brauche Phrixos, da es Phrixos sagt. Haben muss ich, was er hinterlassen hat in Aia. Regen: Gras und Vieh und Korn, dafür das Fell. Ich schwing es unterm blauen Himmel, singe; und die Wolken kommen.
Ich sollte können, was verlangt ist, doch ich kann nicht. Das verhängnisvolle Alter hat mich hart befallen, hält mich fest.
Wer wird gehen? Frauen haben Söhne, die sind jung und gehen gern. Einer nach dem anderen. Dann die jungen Väter. Was aber, wenn sie gehen und zurück kommt niemand?
Dann muss ich hinterher, geh mit den Letzten selbst nach Aia, schlepp ich mich fort am Stock. Ein König muss bei seinen Leuten sein, allein bin ich ein Greis, der hungert, nur ein Bissen, nicht genug für alle Witwen, ein Strohwisch jedem, der vorbei kommt, im Wind 'ne Schütte Blätter...

Jener vor und jener andere im Spiegel, Pelias, der König mit zwei Köpfen nickt. Es dämmert.

PELIAS: Was Phrixos sagt mit seinem Schuh, ich weiß es jetzt. Den Geher zwischen hier und da, der gehen wird, hier und in Anderland, weil er es kann, den gibt es. Doch wo? Denk, wenn du denkst im Traum, an die Sandale, alter Mann, und halte tags die Augen offen.

II Pelias und Iason

Männer-, Frauen-, Kinderstimmen überm Markt von Iolkos.

LEUTE: Da, ein Fremder. Wo der plötzlich herkommt? Wo der herkommt, gibt’s noch mehr von seiner Sorte... Tagediebe, Beutelschneider, Mädchenfänger, Menschenfresser... Iiiih!
Schmuck schaut er aus. Ein echter Palikare. Viel zu schön, um echt zu sein. Steht wie ein Klotz und sagt nichts. Wenn ich den mit einer Nadel steche, quiekt der dann?
Mammi, heb mich hoch! Der kommt von den Magneten, die gehen nur in engen Häuten wilder Tiere, weil, bei denen regnets immer. Das Fell ist seltsam, es sind lauter Punkte drauf. Das ist ein Pardel. Pardel gibt’s nicht in Magnesien, nur in Dortwo hinterm Meer, die fliegen wie die Vögel, fressen kleine Kinder. Nein, in Honig eingelegte Äpfel und Rosinen... Was du erzählst; nur Frösche, wenn ich's sage.
Höchstens 20 ist der Kerl und lange Haare hat er, bis zum Hintern. Aber der ist stark, mein lieber Schwan. Für einen Krieger sind zu lang die Nägel, für einen Sänger ist er viel zu jung. Jäger könnt er sein, doch wo sind seine Hunde...
Da wo sein linker Schuh geblieben ist. Siehst du, rechts ist er besohlt, doch links, da klebt nur Dreck am Fuß. Da hatte wohl sein Pardel Hunger und hat den Schuh gefressen. Barfuß gehen durch Iolkos, o du mein Heimatland, das geht nicht gut. Der hat sie wohl nicht alle...
Was in dem Sack steckt, wüsst ich gern. Gold aus den Pilionhöhlen. Alter Schotter. Giftige Kentaurenpisse. Heuschrecken und Du-weißt-schon-was! Lass uns nachsehen. Nee, lieber nicht. Nachher stecken hundert von der Sorte oben in den Büschen.
Und wie der guckt. Zum Fürchten. Leute, schafft die Kinder rein. Wir gehen jetzt und holen Pelias. Das ist sein Amt, wenn er nicht Regen macht: mit Fremden reden.
Aaah, da kommt er schon, sogar im guten Wagen. Gute Ohren hat der Mann. Und sogar gute Augen. Für sein Alter fährt er, naaah... Gut, wollt ich sagen. Macht Platz! Es kommt der König!

PELIAS: Fremder! Nenne deinen Namen und das Land, aus dem du kommst. Sage mir, wer dich geborenen hat und wen du deinen Vater nennst. Und sage auch, was dich nach Iolkos führt! Sage es unverdreht. Sei ehrlich! Lüge nicht!

IASON: Iason heiße ich, ich komme von Cheiron...

LEUTE: Aaah, der Stumme kann doch sprechen. Von Cheiron? Der kann viel erzählen! Wie war der Name? Iasion? Wer? Was? Ein Kreter? Von einem Charon, der sich Iason nennt, hab ich noch nie etwas gehört.

IASON: 20 Jahre war ich dort in seiner Höhle und lernte was zu lernen war, das Jagen, den Gesang...

LEUTE: Ein Jäger, sagt ich' s nicht... Nein, von den Wilden kommt er, den Kentauren... Aus den Bergen. Aus dem Wald... Im Sack ist Bärenleber... Bärlapp... wilder Knoblauch und Salbei.

IASON: ...die Heilkunst.

LEUTE: Mami, was erzählt der da? Ich kann nichts hören! Still, Kind, der König wird gleich wütend, dann rasseln seine Bleche und er brüllt wie hundert Stiere.

PELIAS: Ruuuhe!! Von Cheiron kommst du, Fremder? Wüsste ich, wo Cheiron lebt, ich ginge sofort zu ihm. Es heißt, der kann das Alter heilen alter Könige. Kannst du mich zu ihm bringen, Fremder, oder bist du in die Künste selbst schon eingeweiht, jung wie du bist, wirklich ein Heiler? Ist wirklich Iason, wie du sagst, dein Name? Und deine Mutter lebt im Wald beim Cheiron?

IASON: Iason heiße ich, weil Cheiron wollte, dass ich Iason heiße. Und ich bin kein Fremder, bin nicht als Fremder hergekommen in fremder Leute Stadt und fremdes Land, denn ich bin hier geboren. Mein Vater wäre Aison, hier in Iolkos, das sagt Cheiron; wenn das wahr ist und du Pelias bist, sind wir Verwandte. Cheiron schickt mich, ich kann König werden, sagt er.

PELIAS: König in Iolkos, meint er das? In Iolkos gibt es einen König, Pelias, und König bleibe ich noch lange. Doch wenn der weise Cheiron sagt, du kannst, dann sag auch ich, du kannst das. Vier Töchter habe ich und einen Dienst für dich. Wenn du ihn willst, dann wird dich eine wollen... Komm in mein Haus und iss. Wir werden danach weiter sprechen, drinnen, wie Verwandte.

LEUTE: Aison wäre Vater, dann auch noch hier in Iolkos? Wie soll das zugegangen sein, vor 20 Jahren? Von wem kommt diesem Schattenmann ein Sohn wie diese Esche? Durch Aison scheint die Sonne, ach was sag ich, scheint der Mond hindurch wie durch 'ne dünne Wolke und geht Wind... Wenn der den Mund aufmacht, dann brauchst du 14 Ohren, um zu hören, doch es lohnt nicht...
Für den Fremden brauchte ich nur eins, und was ich hörte, gibt zu denken. Der will also König werden. Ein Findelkind, im Wald verloren, ausgesetzt, und von den Tieren aufgezogen. Als wäre der gesät und aus der Erde aufgewachsen, kennt er seine Mutter nicht, was sagt man dazu. Und wenn er von dem Cheiron ist: Müsste der nicht Hufe haben, auch spitze Ohren, einen Schwanz?
Und wie der König plötzlich still geworden ist und weiß, nicht rot und blau und laut wie sonst. Er scheint zu glauben, was der Junge sagt. Oder er stellt sich so. Das kann er gut, der alte Schlaukopf, einen Dummen spielen. Leute kann der immer brauchen, gute und die anderen.
Ey, Leute, nicht so laut.
Regnen könnt's mal wieder.
Nein, Kind, Ungeheuer gibt es nicht, nur Götter und Daimonen.

Männer-, Frauen-, Kinderstimmen überm Markt von Iolkos. Dann das Geräusch von Ledersohlen, vieler Schritte, sie entfernen sich, und Staub sinkt langsam nieder.

PELIAS: Es ist abgemacht, beschlossen und versprochen. Der gute Junge, der von Cheiron kommt, wird gehen. Er wird das Meer befahren und für mich finden, was dahinter ist, wird von dort bringen, was ich brauche.
Nicht weil er muss. Er will das, weil er jung ist, stark und ahnungslos. Gern wird er gehen, des schwachen Bruders starker Sohn, wenn wahr ist, was er glaubt. Das Vlies, die Reise sind sein Brautpreis für die Älteste, Alkestis. Soll er König sein in Iolkos, wenn er wiederkehrt und ich ihm spät gefolgt bin in das Haus des Hades, vom bösen Tod bezwungen.
Ich weiß: Ich hätte, wird es heißen, jenen in den Tod geschickt. Ich habe ihn geschickt, jedoch nicht bös und tückisch, wie es heißen wird. Der Junge geht, von mir gebeten, geht, weil er gehen will, will, was die Götter wollen und sein Schicksal.
Der Name sagt mir, dass er nicht von ungefähr nach Iolkos kommt, er, den der Heiler Cheiron Heiler nannte. Mehr sagt noch die Sandale. Ich sollte, müsste, hätte, wenn... Nein, nicht gern. Ich bin alt und sterblich, König in der Stadt der Bruderzwiste. Auch mein Sohn geht mit, auch gern, und fünfzig junge Männer der Minyer fahren mit ihm auf dem besten Schiff.
Der gute Junge Iason, ohne Mutter, ohne seinen Namen groß geworden... Für wen, wenn nicht für Pelias? Ein Monosandalos, wenn wahr ist, was ich glaube. Wo er seinen Schuh verloren hat? Er sagt, im Fluss, ich frage nicht in welchem.

III Im Meer: Die Argonauten

Ruderschläge, rhythmisch, Holz knarrt, Wind spannt Seile, baucht das Tuch, und Wasser spritzt und rauscht, ein Stöhnen lässt sich hören ab und an, von einem und von allen.

IASON: Schon vierzig Tage an den Rudern. Ich dachte, groß ist Iolkos, groß der Pilion und einzig. Noch keine Stunde und die Stadt verstummte, noch kein Tag war um, da war die Stadt wie Vogeldreck auf einem Ast, dann fortgewaschen. Der Pilion wuchs und sah mit vielen Augen auf das Schiff, sah durch das Laub der stillen Bäume hohles Holz und darin fünfzig Narren schwitzen. Dann schrumpfte er, wuchs wieder, wurde klein, war endlich weg, der erste eines trägen Reigens.
ARGONAUT: Berge, Städte, Berge, Inseln und das Meer im Meer... Ohne Namen sind sie jetzt und stumm.
IASON: Und dann, wenn es zu Ende ist, das Meer, beginnt ein anderes. Hey Tiphys, sag, wo sind wir?
ARGONAUT: Ich weiß es nicht... Ich weiß nicht, wie ich reden soll mit einem Meer, das keinen Namen hat. Vielleicht kennt Orpheus seine Sprache.
ARGONAUT: Orpheus sagt, was hier den Himmel oben hält, er weiß es auch nicht. Vielleicht ist es der Wald und der Gesang der fremden Stimmen in den Bergen...
ARGONAUT: Ablösung! Noch zwei Stunden, dann gehen wir an Land und essen. Hartbrot und harten Käse, Trockenfisch, Jungs, das wird schmecken.

ARGONAUT: Was raucht am Ufer, Iason?
IASON: Das sind Eisenhütten in den Spinnwebwäldern, und darüber schweben Bronzevögel. Geht unter eure Schilde.
ARGONAUT: Was ist Eisen, Iason?
IASON: Etwas, das vom Himmel fällt. Rot soll es sein, rot oder schwarz, und innen glänzen. Außen ist es hart, doch wenn die Schale bricht, verstreut es silbernes Metall.
ARGONAUT: Ein Ei?
IASON: Es scheint so.
ARGONAUT: Und das essen die?
IASON: Ich weiß es nicht, doch scheinen sie's zu kochen. Achtung, Pfeile.

ARGONAUT: Nein, Harpyien riechen schlecht. Wenn es nicht stinkt, dann sind es keine, nur große Vögel. Ob man die essen kann?
IASON: Nur, wer sie auf dem Spieß hat, kriegt sie übers Feuer. Was sagst du, Zetes, Vogelfreund?
ARGONAUT: Ich sage: Phineus wusste, du bist Iason, der da heißt Admetos, der Akastos, auch wo wir hin wollen, selbst welchen Weg das Schiff weiß, welchen nicht. Schafft mir Brot, Wein, Fleisch und Käse, Äpfel, und vom Hals die Hadesvögel. Zetes kann das, leicht. Dann sag ich euch die Wege, wie ihr hin kommt und zurück. Es war nicht leicht, die Vögel wegzubringen, sonst hätte der das selbst gekonnt. Du hast gesehen, wie wir wieder kamen, zerschunden, abgehetzt, bekotzt. Von Wegen aber hat der Phineus nur geflüstert, Iason, in dein Ohr, als wäre ich von deiner Hand ein Daumen.
IASON: Er sagte, es gibt Wege, die wir finden werden; schwer sind alle, doch am schwersten ist der Weg zurück. Wir sollen auf die Vögel achten miteinander, nicht nur vor dem Tor aus Rauch und Fels und blauem Nebel. Er sagte, welche Völker an der Küste wohnen und nannte Namen, hunderte. Welche Fremde ehren, welche nicht. Wir sollen singen miteinander, immer. Und das Bitten lernen, ich vor allem. Alles andere wüssten wir.

Ruderschläge, matt, Holz knarrt und Seile schlenkern, schlapp schlägt Tuch, das Wasser gluckst und Wind weht unstet, ab und an ein Stöhnen weg, von einem und von allen.

IASON: Kein Brot, kein Fleisch mehr, nur noch Mehl und etwas Käse. Wenn die nächste Siedlung klein ist, können wir die Leute fragen. Damit wir weiter fahren,werden sie uns geben, wenn sie haben, auch noch etwas Vorrat. Sagen werden sie, sie gäben's gern, und denken: Euch schickt ein Daimon. Fünfzig Männer ohne Essen sind wie Wölfe und wenn sie satt sind, nicht viel besser. Ist groß die Stadt, dann heißt es tauschen oder kämpfen. Bronze gegen Leben oder Leben gegen Leben. Doch wer wird rudern, wenn uns Männer sterben? Besser wär es, Hermes zeigt uns Herden, weit von Orten. Was siehst du, Tiphys?
ARGONAUT: Ziegen und dabei sind nur vier Hirten.

ARGONAUT: Hey, Iason, wann, denkst du, sind wir angekommen?
IASON: Wenn nach dem Meer kein Meer mehr kommt, aber ein Tor aus Fels steht offen für die Sonne und die Toten. Eh du es siehst, wirst du es hören, von schnellem Wasser wird es rauschen, von Vögeln, Seelen, Schatten, Heliosmänteln. Wenn's kracht, sind wir nah dran... Fast drinnen oder durch. Dann heißt es, schnell sein wie die Vögel. Rein kommen wir, das wusste Phineus, raus kommen, das wird schwer. Wir werden Hilfe brauchen und dazu noch Glück.
ARGONAUT: Wann, Iason, und woher?
IASON: Glück brauchst du immer. Du bist der Steuermann, Tiphys, des Schiffes Stimmendeuter, frag das Schiff. Wenn das nicht weiter weiß, frage die Götter.
ARGONAUT: Es sagt, es fände hin, doch langsam, und noch nicht zurück nach Iolkos. Vom Felsentor, der Vögel rein und raus und wie man durch kommt: Was davon weißt du sicher?
IASON: Was ich weiß, weiß ich von Cheiron, der es von anderen hat. Phineus sagt, was Cheiron sagte, nur mit andern Worten. Lasst mich jetzt in Ruhe.

Ruderschläge, müde, aber stetig, Holz knarrt und an Seilen zerrt der Wind, Tuch schlägt, Wasser rauscht, ein Stöhnen ist zu hören, von einem und von allen.

ARGONAUT: Einmal mit dem Wagen um die Bucht, dann in die heiße Wanne. Abends Mädchen gucken und zum Wein ein Brettspiel. Ich hab nach Iolkos Heimweh, Iason.
IASON: Ich seh mich auf dem Pilion laufen. Dort ist jetzt Honigernte, Hasenjagd. Hase mit Knoblauch, dazu Honigbrot: Da leckst du dir die Finger. Ich habe Heimweh auch nach Iolkos, als wenn ich irgendwas von Iolkos wüsste, wenigstens gesehen hätte, irgendjemand kennen würde, außer Pelias. Wie, Akastos, lebt es sich in Iolkos?
ARGONAUT: Gut sind die Männer, gut die Frauen, erfahren in den Künsten, gut ist der Oktopus in Rotwein, sind Käse, Fleisch und Brot. Gut ist das Wasser. Es lebt sich gut in Iolkos, wenn du gut zu leben hast.
IASON: Dann ist es doch das unbekannte Iolkos, das mir Heimweh macht, ein Traum, der sagt, hier bin ich, in Iolkos bin ich heimisch.

ARGONAUT: Schon sechzig Tage sind wir auf dem Wasser, Iason; wusstest du wie weit die Welt ist?
IASON: Nein, nur dass sie einen Rand hat, darin der Sonne Häuser stehen oder schwimmen. Wenn wir dieser Küste folgen gegen Morgen, wir werden eines Morgens einen Wagen sehen, der pfeifend in den Himmel steigt, darauf ein Strahlen. Dann sind wir fast da im dunklen Aia, wo der Heliossohn Aietes wohnt und seines Vaters Strahlen in den Häusern hütet. Und einen großen Drachen hält, schwarz mit goldnen Schuppen, roten Augen, schrecklich schön, der das Fell bewacht des Phrixos.
ARGONAUT: Da, sieh, aus Tiefen kommt ein Ungeheuer, eins der Schoßuntiere Amphitrites, sieh wie es buckelt, mit dem Schwanz das Meer schlägt, spritzt.
ARGONAUT: Das ist ein Wal, der Schiffe frisst, jedoch nur kleine. Trotzdem, ersticken soll er dran.

ARGONAUT: Jetzt sind es neunzig Tage, Iason, hast du geahnt wie groß die Welt ist und wie sonderbar? Im Meer treibt Schmutz in dichten Placken, das flache Ufer zeigt seit Tagen graues Grasland, schwarz stehen die Gehölze. Hinter dem Dunst ist noch was anderes, doch ich kann's nicht sehen. Wo sind wir hier?
IASON: Ein Land mit Möwen ist es nicht und auch kein Land der Herden. Da, ein Wagen ohne Pferde, alt schon.
ARGONAUT: Nicht nur einer. Das Gehölz wird dichter, so als liefe es zusammen. Irgendetwas tönt.
IASON: Vorsicht mit den Rudern. Links schwimmen Trümmer, Holz mit Zeichen drauf und großen Augen. Viele. Töpfe, Tassen, etwas wie zerrissne Kleider.
ARGONAUT: Vor uns, das sieht aus wie ein Kanal oder ein Fluss. Dahinter stehen Häuser, eine Stadt, die schimmert, wie aus Silberrauch. Jetzt sollte es donnern. Jetzt sollten Felsen einen Reigen tanzen. Heißt das...?
IASON: Wir sind übern Rand, nicht drinnen. Lasst uns landen.

IV Aia: Iason und Medeia

Dämmerung, die Argo schaukelt an der Phasis-Lände, aufwärts führt ein Weg aus weißen, schwarzen, roten Platten, gefasst von hellen Bäumen, blauem Laub mit roten Beeren. Kein Volk vor Aia, niemand, nur die Argonauten stehen dicht gedrängt und atmen.

IASON: Ich geh allein. Ihr geht zurück ins Schiff, legt ab und rudert übern Fluss, legt euch seitwärts vor das Ufer. Schlaft in den Ruderbänken. Ich finde euch oder ein Bote kommt. Drei Tage, hört ihr... Dann folgt dem Rat des Phineus, folgt den Vögeln.

Iason geht, ein schmaler Mann allein, klein zwischen weißen Mauern, steigt Stufen, kommt an ein Tor, das offen steht, und noch eins. Dann an ein Tor, das ist geschlossen, aber nicht verriegelt. Er steht lange, stößt mit den Fingerspitzen, es schwingt auf. Geht in die Halle auf ein Feuer zu, das zwischen Säulen brennt. Setzt sich in die Asche, neigt den Kopf. Dahinter sitzen sie und stehen, dunkle Männer, dunkle Frauen sehen ihn an aus hellen Augen, als hätten sie gewartet. In der Mitte, auf dem hohen Stuhl sitzt einer wie ein König sitzen soll und neben ihm ein Mädchen.

AIETES: Ein Fremder. Einer von den einmal Lebenden. Er hat den dunklen Fleck. Er kennt sich nicht und wenig von der Welt. Daher sein Mut.
MEDEIA: Nicht allein daher, Vater. Gut sieht er aus, gut kann er sein. Er trägt den Namen Iason.
AIETES: Iason ist der Name, der ihn trägt. Schwer tragen beide.
MEDEIA: Den langen Weg von Iolkos.
AIETES: Nicht lang für einen Toten.
MEDEIA: Der Fremde lebt.
AIETES: Wozu?
MEDEIA: Für wen? Er bittet uns. Kein Fremder ist der Fremde, wenn er will.
AIETES: Kein Fremder, wenn du willst.
MEDEIA: Was wird er wollen?
AIETES: Die Haut des Phrixos. Was die alte Decke strahlen ließ, ist weg.
MEDEIA: Nicht ganz.

AIETES: Steh auf, komm näher, setz dich, Fremder, auf den schönen Stuhl gleich neben mir. Nimm vom Tisch, was da ist, gern geben wir vom Vorrat.
Wenn du gegessen hast und Wein getrunken, dann nenne deinen Namen und dein Land, und auch, was dich nach Aia bringt, sage uns ehrlich.

Und Iason, des Aietes Gast, hält seine Hände in das Wasser, isst vom leichten Fleisch, trinkt vom schwarzen, schweren, unvermischten Wein, und spricht:

IASON: Ich bin Iason, Sohn des Aison... Ich wohne aber in Iolkos. Nach Aia hat mich Pelias geschickt, der König, dem ich folge, wenn er mir gefolgt ist.

MEDEIA: Er redet gut...Nur dass er das nicht weiß.
AIETES: Nicht weiß, was davon wahr, was Blödsinn. Sagte ich es nicht?

IASON: Ich soll das Fell des Widders holen, der den Phrixos brachte, her nach Aia. Phrixos sprach zu Pelias und wollte, dass er geht: Den hält das Alter fest, mich treibt es her. Ich bin hier für ihn.

AIETES: Für den schlauen Pelias, den alten Mann und guten König?

IASON: Für Iolkos, die Minyer. Das Land vertrocknet. Phrixos wird es heilen.

AIETES: Sagt das Phrixos? Wenn Phrixos sagte, Pelias soll gehen, wo ist Pelias? Aber wenn du gehen willst, wo Pelias nicht gehen wollte: Geh und hol es. Morgen.
Medeia wird dir zeigen, wo es liegt. Gebt jetzt dem Gast ein Bad und dann ein Bett. Morgen wird er seine Kräfte alle brauchen.

Medeia sieht den Fremden lange an.

Dann schläft in Aia Iason, träumt. Medeia spricht, die furchtbar Schöne, spricht mit der blauen, goldgefleckten Sternenhaut, dem vogelgelben Licht der großen Augen, spricht mit der rauen Stimme alter Bäume, deutlich.

MEDEIA: Du heißt Iason, aber bist es nicht. Doch du kannst Iason werden. Oder du wirst Pelias. Ich helfe dir dazu, zum einen, nicht zu dem anderen. Zum Vlies, das leuchtet dem, der es nicht haben will für sich. Dann heraus aus Aia, dir und den Männern, die du hergebracht hast, die dich brachten. Zurück nach Iolkos. Dort wirst du nicht bleiben können, wenn du Iason bist, der Heiler.
Ich helfe dir, weil ich dafür gemacht bin, weil mein Namen es verlangt und deiner auch. Doch sollst du wissen, was ich haben muss für meine Hilfe, die du brauchst, wenn du zurück willst in die helle Welt: Du gehörst dann zu Medeia. Wenn ich liebe, werde ich, Medeia in Medeia, wird ungeheuer wachsen, was ich gebe: In Iason Iason. Wenn du liebst, dann wirst du. Ich folge dir, wie du mir folgen wirst. Willst du? Dann sag es!

Ich sage ja, sagt in Iason Iason. Und Medeia reibt Medeia in die Haut des Schlafenden.
Spricht mit Gelb und Blau und Rot und Schwarz, mit Fleisch und Knochen seiner Zeit die Zeit ab. Was sagst du, Iason? Ja, sagt Iason, jetzt mit offenen Augen, bei den Göttern, allen und dem dunklen Wasser. Dann schläft in Aia Iason, traumlos, nah am Tod. Sieht dann in den trüben Morgen, Mittag, Abend, dann in blaue, grüne, gelbe Augen.
Nimm deinen Hintern hoch, Held Iason, spricht der fremde Mund, setz deine Füße auf die fremde Erde. Iss, aber wenig, dann vergeht das Schwanken, trink von dem hier und von dem, dann Wasser, etwas Wein: Das bringt die Worte wieder.

MEDEIA: Aietes schickt dich in den dunklen Hain zum Drachen ins noch Dunklere. Ich gehe mit.

IASON: Weiß denn dein Vater, was du tust?

MEDEIA: Wie anders, da doch Helios alles sieht und hört. Wie anders, da ich ihm gesagt habe: Du stirbst nicht. Er weiß, wohin ich gehe und mit wem. Er hat mir selbst die Tür gezeigt. Da ist die Tür. Wir gehen, ich den kurzen, du den längsten Weg.

IASON: Warum, Medeia?

MEDEIA: Du hast zugestimmt. Du hättest bitten können. Um einen Platz in Aia. Nein, du brauchst kein Schwert, nur deine Beine. Halte dich links.

Und Iason geht, auf grauen, weißen, blauen Steinen, durch Thymian und Salbei und über Knochenschotter, tanzt hangab ins Dunkle, Dichte, und dunkle Bäume tanzen auf ihn zu. Wie Mond geht, geht das blaue Licht, das Leuchten der Medeia, wie Mond in Wolken, Morgenmond, und wird verschluckt. Dann nichts mehr. Dann Geräusche. Hartes spricht mit Hartem Hartes, Holz mit Holz und Eisen,Steine; vor Vögeln Vögel sprechen Dunkles aus, Angst spricht und Verlangen, Wut und Wind, es knirscht und jault und kreischt in Allem. Dann lärmen wieder Anderweltzikaden, sirren Sternenspritzer drüber hin.

Iason kriecht aus dem Dunkel, Iason, der nicht Iason ist, blind, ohne Stimme, doch ein Leib, leibhaftig dreckig, fremd aus dem Fremden in das Fremde. Öffnet die verklebten Augen, sieht Medeia, hört sie singen: Keine Worte.

MEDEIA: Komm zurück. Du kommst zurück. Zurück kommst du, dann bist du wieder da. Vom Drachen kommt mein Drachenmagenkind. Öffne die Augen. Wo du nie gewesen bist, dort wirst du sein und werden, Andermann in Anderland, der jetzt, der so Geliebte... Mach deine Augen auf.

MEDEIA: Weil er mich nicht drin behalten konnte, hat dich der Drachen ausgespuckt. Du bist jetzt da, wo Phrixos war, nicht bei den Lebenden, tottrunken, doch nicht tot, lebsüchtig, doch nicht in der Zeit. Das bleibt nicht so. Jetzt bist du Iason. Was von Iason Iason bleiben soll, wirst du fest halten müssen... Du hast eine zweite Haut gewonnen. Sie ist dir aufgetragen. Nimm sie. Hörst du die Blaskapelle? Sie spielt für uns den Trauermarsch, zum Abschied. Aietes redet mit den Musen, die mit Aietes reden, bläst deinen Ruhm dem Himmel ein, den ihm die Musen blasen. Das bleibt dir sicher: Hey Leute, kennt ihr Iason? Das ist der mit dem goldenen Fell, der rein nach Aia und damit wieder rausgekommen ist, der Heros, herrlich...
Herrje, der arme Drachen.

Sie hilft ihm auf die Beine.

MEDEIA: Lass uns zum Wasser gehen, Iason. Furchtbar siehst du aus, du Armer... Aia hat dich übel zugerichtet. Und du stinkst.

V Flucht: Die Argonauten

Ruderschläge, schnell und stetig, Holz knarrt, an Seilen zerrt der Mast, kein Tuch, das Wasser rauscht und rauscht, ein Kichern ist zu hören, leise, wie ein Stöhnen, von einem und von allen.

ARGONAUT: Gut ist jede Richtung, geht es weg von Aia. Wir sind schnell, doch gehen die Ruder plötzlich leicht im Fluss. Kein Ufer ist zu sehen, nur im Nebel schräge Schemen. Da! Mit spitzen Mützen kleine Männer laufen hin und her. Männer siehst du? Ich seh Frauen und mit spitzen Ohren Tiere, alle schwarz, die springen. Es klingt als heulten die im Chor ein Wort nur: Huuuuh!

MEDEIA: Der Phasis ist das nicht mehr. Wir sind im runden Rand der Welt, im bittern Okeanos. Zieht die Ruder ein, jetzt fährt das Schiff im Weltstrom, es wird schnell und schneller. Vier Männer gehen ans Steuer: Haltet es gut fest und haltet Ausschau. Bleibt am Rand. Irgendwann kommt eine Lücke. Dort ist das Wasser wieder salzig, wird das Tor aus blauem Stein im Wasser treiben, offen stehen, warten. Dann müsst ihr selber schnell sein mit den Rudern, schnell wie gejagte Vögel, Pfeile, schneller.

IASON: Kommen wir durch, Medeia?

MEDEIA: Wenn die großen Schwestern helfen und das Holz hält, wenn wie Einer alle Männer rudern, keiner aus der Bank kippt, wenn...

IASON: Hilfst du uns durch, Medeia?

MEDEIA: Ich bin auf der Argo, hinter mir ist Feindschaft, Fremde, Schmerz, liegt ein beflecktes Messer. Ich bin bei dir, habe vor mir Fremde, Feindschaft deinetwegen. Also?

IASON: Du kannst alles, was wir können, und noch mehr und vieles besser. Nur sterben kannst du nicht. Wir aber sterben leicht. Wirst du uns retten?

MEDEIA: Retten? Wohin, mein Guter, kannst du mir das sagen?

ARGONAUT: Da ist es! Seht, die Vögel, sie verschwinden.

Wasser rauscht und rauscht, schäumt, spritzt, tost, donnert, das Holz schreit und die Männer schreien an den Rudern, rhythmisch, wütend, eine Fünfzig-Kehlen-Stimme:
Aaah! Aaah! Aaah!

MEDEIA: Jetzt! Schieß euren Pfeil ab!

Und das Schiff schießt auf den Felsen zu, schießt in den Nebel, durch den Nebel für Sekunden, Jahre, dicht wie Sand.
Keuchen und dann Stille. Fest liegt unterm ungeheuren Blau des weiten Himmels, wolkenlos und ungestützt, im Meer aus festen Steinen, weiß und grau und rot und schwarz, still liegt die Argo: Mit geschlossnen Augen.

IASON: Was ist das?
MEDEIA: Eine Wüste.
IASON: Wo ist das Meer, Medeia?
MEDEIA: Hinter diesem und hinter jenen fernen Bergen, wenn das da hinten Berge sind, nicht träge blaue Tiere. Das Schiff wird wissen, wo das Meer ist. Was sagt es, Tiphys?
ARGONAUT: Das Schiff sagt: Tragt mich, wie ich euch getragen habe, bis ich euch wieder tragen kann, euch alle. Da geht’s lang.

Schritte vieler Füße, langsam, Sand knirscht, Steine klappern, Holz knarrt, Stimmen sind zu hören, wenige und leise, und Stöhnen auch, von allen.
So schwankt die Argo über Kies und Dünen, zwischen Felsen, unterm neuen, vollen, alten Mond, und Schlimmes leiden ihre Träger; doch in Freundschaft, 12, 24, 32 Tage, alle...
Sie lecken morgens Tau von Steinen und essen abends Wind, teilen Last und Steine, die Kälte nachts und das Gebrüll der Sonne tags, alles in Freundschaft, teilen Schwäche und Verzweiflung, ihre Träume, gehen durch einen Traum, den Traum der Freunde, aller...

ARGONAUT: Was trinken hier die Leute, wenn's hier Leute gibt? Aus Steinen ausgequetschtes Wasser, denk ich, aus den Wanderquellen, Wegspringseen.
ARGONAUT: Heuschrecken gibt’s zu essen, Mäuse, Trockenfrösche, Salamanderpulver, was weiß ich.
ARGONAUT: Vielleicht das Obst von Bäumen, die verkehrt ins Erdreich wachsen. Fettes Höhlenvieh mit vielen kurzen krummen Beinen. Und goldene Kuchen, die Ameisen backen.
ARGONAUT: Wenn es hier Leute gibt, dann sind die unsichtbar. Unter der Erde. Fett und geizig sitzen sie im Finstern, streichen ihren Bauch und putzen sich und wispern. Wär ich bei denen und ich sähe uns, ich müsste lachen. Hey, seht euch das da an: Ein Schiff mit hundert Beinen krabbelt über Sand und Steine.

Sie sehen, doch sie lachen nicht. Kleine Männer, kleine Frauen, bernsteinfarben unter spitzen Hüten, hocken rechts und links des Wegs hinter den Steinen, sehen den Zug, die Last, das Elend und die Freundschaft.

LEUTE: Da, seht mal, Fremde. Sie tragen einen fremden Mond herum.
Das ist ein Wolkenfänger. Nein, die ziehen einen Korb für Sterne. Eine Schwinge, um zu worfeln Glück und Unglück.
Diener sind es fremder Götter, schwer gestraft von ihren Wünschen, von Wünschen schwer belohnt.
Nein, das sind Freunde in der Irre, Freunde, die sich selber tragen...
Heißen wir sie bleiben? Machen wir sie nieder? Lassen wir sie ziehen?
Hört auf die Sonne, was sie sagt zu denen, und bleibt unsichtbar...
Spricht leise der unter dem höchsten Hut und lässt das Glöckchen oben sachte klingen.

MEDEIA: Wie kann ein Land so leer sein und so friedlich. Nur Sand und Steine gibt es, keinen Krieg. Wie kann ein Land so weit sein, so offen und bereit. Nur Regen fehlt. Es fehlt nur Wasser. Ein Fluss und Bäume schießen auf, an denen Schafe wachsen und Melonen. Ein See und Rinder weiden, groß wie Häuser, Trauben reifen in drei Ernten, ungeheuer süß und groß wie Henkeltöpfe. Du brauchst nen Eimer Wasser für den Wein von einer und keltern musst du nicht.
IASON: Riechst du das Meer? Höchstens ein Tag noch, höchstens zwei ist es noch weg. Das Schiff wird leichter.
MEDEIA: Wir könnten bleiben, Iason. Hier bin ich fremd, bist du ein Fremder. So wären wir fast gleich, sogar willkommen.
IASON: Wem? Hier ist niemand.
MEDEIA: Die Felsen haben Augen und die Steine flüstern. Mir haben sie gesagt, wenn wir hier blieben, wär da wer. Du hast das Fell. Und unsere Kinder würden hier nicht fremd sein.
IASON: Ich muss damit nach Iolkos, Iolkos heilen.
MEDEIA: Du musst damit nach Iolkos und das Fell dem Pelias bringen.

Die letzten Schritte gehen sie mit gelösten Knien, durch tiefen roten Sand. Sanft lassen sie das Schiff ins Wasser gleiten und laufen schreiend hinterher.

VI Aiaia: Kirke

Flach ist die Insel, dicht wächst dunkelgrünes Laub auf grauem, weißem, blauem Fels, darüber etwas Rauch aufsteigt und viele Vögel kreisen. Aiaia treibt im Meer, die Argo folgt mit trägen Ruderschlägen.

ARGONAUT: Niemand sollte wissen, wo der Abend und wo Morgen ist, wo die Sonne absteigt und wo auf. Darum treibt die Insel. Weil sie nicht gefunden werden will. Weil die Welt wächst, vor dem Bug der Schiffe, weil es Platz braucht für die Lebenden wie für die Toten. Auch Iolkos wächst und Aia wandert, weg von Iolkos.
ARGONAUT: Da bin ich froh. Ich sehe Drachen gern von hinten, wenn sie weg sind, ein schwarzer Punkt, der gleich im Horizont verschwindet.
ARGONAUT: Aiaia ist wie Aia, doch gibt’s hier keine Drachen, nur die Verwandtschaft der Medeia, Kirke, Königin der Vögel und der bepelzten Tiere, die Schwester des Aietes. Wäre ihr Bruder freundlich zu den Lebenden, dann wäre sie es auch.
ARGONAUT: Medeia hat bei ihr was gut zu machen, glaub ich...
ARGONAUT: Iason weiß es, deshalb ist er mit.

KIRKE: Sprich nicht, ich seh, du bist Medeia und Medeia ist hier nicht willkommen. Und der da ist ein Fremder, den einer von den alten eingeborenen Fremden Iason nannte: Er heilte dich von deinem Vater, wovon noch? Dein Bruder musste seinetwegen sterben. Jetzt mach den Mund auf, Töchterchen, davongelaufenes.

MEDEIA: Ich ging mit Iason, weil es Iason war, der kam und meine Hilfe brauchte.
Absyrtos starb, weil er das Band zum Vater war. lch musste es zerschneiden, meinetwegen. Also schnitt ich ihn in Stücke, warf die dem Vater vor die Füße. Der hat ihn wieder ganz gemacht in seinem Kessel. Absyrtos kann nicht sterben. Er ist jetzt wieder jung und bleibt in Aia Kind. Er ist mein loses Ende.

KIRKE: Er schrie und mit dem Schreien lebt er weiter, mit Entsetzen, Schmerz, in seinem Tod: Er weiß jetzt mehr als du: Wie Verrat sich anfühlt. Du weißt jetzt mehr als er: Warum das Blut sich fürchtet, nicht ans Licht will. Mord ist Mord und Schuld ist Schuld. Was willst du?

MEDEIA: Nimm mir das ab. Du kannst es. Und du musst, weil ich dich bitte.

KIRKE: Weil du wirst, was du gewesen, dunkles Kind der Sonne. Weil dich die Sonne gehen lässt, mein Vater, dessen Mutter in dir wohnt, dich sehen lässt und hören was du siehst und hörst. Weil ich weiß, was du noch zu erfahren hast: Niemand läuft davon.
Ich wasche euch das Blut ab, dir und dem Iason, den du färbtest. Der Verrat bleibt haften und der Schmerz euch beiden; zaubern kann ich nicht. Dann musst du gehen.

MEDEIA: Ich wollte hier nicht bleiben.

KIRKE: Das war nicht gemeint. Ich beneide dich um eins nur. Dass ihr zusammen seid, wenn ihr euch liebt, versöhnt und fast ein Ganzes. Einer im anderen umgeht, spricht und handelt.
Nicht um alles andere. Du hast Mut, mehr als die Götter brauchen, doch wird das nicht genügen. Der Fremde läuft, geht weite Wege, weil er nicht fremd sein will. Wär er nicht dir, dann wäre er sich selbst begegnet in Gestalten, die er kennt. Oder sonstwo sonstwem. Du wirst noch weiter gehen müssen, denn du kannst nicht zurück.
Du wirst Medeia, begehrt und furchtbar, eigenhändig abgetrennt von Aia, immer wieder, du wirst Medeia bleiben. Er kann noch Pelias werden, irgendein Kreon. Was in ihm wohnt, Wolf, Hund und Löwe, Ziege, Schwein, ein großer Mensch oder drei kleine... Ich kann nachsehen, wenn du willst. Wenn du einen Hund brauchst, ich kann dir einen machen.

MEDEIA: Er hat von allem, so wie alle... Brauchst du denn einen Hund?

KIRKE: Wer nicht. Ein Scherz. Hol ihn her, ich wasche von euch ab, was abgeht. Womit, wirst du nicht fragen.

Flach ist die Insel, dicht dämmert dunkles Laub auf grauem, weißem, blauem Fels, darüber etwas Rauch verweht und Vögel kreisen, viele. Aiaia treibt im Meer, und langsam folgt die Argo.

ARGONAUT: Da sind sie wieder. Sie gehen langsam, mit gesenkten Köpfen, einer weit vom anderen. Gut sehen sie nicht aus. Fahrt näher ran.

ARGONAUT: Schön ist es, wo sie waren. Schön ist Kirke und sie singt noch schöner. Du willst nicht hin, verstehst du, doch was du hörst, zieht dich in ihren Kreis. Wenn du sie siehst, dann sieht sie deine Stärke. Ob du genügst, dem Schrecken und dem Schönen. Wenn nicht, gehst du verloren. Sie hat Augen, groß wie die aufgemalten an der Argo, und die glänzen ungeheuer, honigfarben, wenn sie gibt und nimmt: Von beidem, was sie kann. Hörst du sie?
ARGONAUT: Schön und böse wie die Sonne, wenn du keinen Schatten hast, kein Wasser. So klingt das. Du bist nicht neidisch, Orpheus, oder? Sie macht aus Menschen Tiere und aus Tieren Menschen, warum will ich nicht wissen.
ARGONAUT: Was wirst du denn erzählen, wenn du zu Hause bist? Kirke sang und du hast dir die Ohren zugehalten, nichts gehört? Du warst im Drachenland, doch Drachen hast du nicht gesehen, nur Federvieh und Schafe.
ARGONAUT: Schafe seh ich gern, mit Haut und ohne. Drachen sind groß und hässlich, wo sie liegen, riecht es schlecht, und was sie machen, weiß ich: Menschen fressen. Du musst nicht hingehen, weißt du, wenn du weißt, da liegt ein Drachen.
ARGONAUT: Denk dran, wenn du zu Hause bist und deine Schöne mit dem Besen auf dich los geht und deine Kinder siebenstimmig heulen: Papa, Hunger!
ARGONAUT: Willkommen in der Welt. Du bist verrückt, mein Orpheus, genau wie Iason. Doch der ist entschuldigt, weil er König werden soll. Hey Iason, was hat sie dir vorgesungen?

IASON: Ich hab kein Wort verstanden...

VII Kreta: Talos und Medeia

Ruderschläge, langsam, fern geht Brandung, in den Lüften rauschen sie heran und schlagen ein ins Wasser, ein Felsen nach dem andern. Medeia steht am Bug und singt in fremden Tönen Worte. An der Küste läuft ein Riese, ganz aus Bronze, wirft mit Steinen nach der Argo, die der grauen, gelben, weißen Küste Kretas folgt.

ARGONAUT: Haltet den Abstand. Der wird nicht müde und Steine hat er auch genug.
ARGONAUT: Eine schöne Gastfreundschaft ist das auf Kreta. Der hält uns für Piraten, Diebe. Wir wollen doch nur Wasser.
ARGONAUT: Machst du Witze? Unser Brot ist alle, aufgebraucht das Öl. Wie Wein zum Fleisch schmeckt, weiß ich wieder, wenn ich beides habe. Du magst doch Schafe. Drüben stehen sie dicht gedrängt am Hang und wackeln mit den Ohren, sehen ein Schiff, vor dem es spritzt und brodelt. Und Ziegen weiden, hoch bis zum Schnee des Ida. Kreta ist ein Tisch mit Buckeln, voll gestellt mit Heldenfutter.
ARGONAUT: Wenn wir nur daran kämen... Ja, gleich wär die Insel leichter. Mit dreißig Schafen würden wir zwei Tage reichen, wenn wir nicht rudern, mit sechzig kämen wir zur nächsten Insel. Wenn wir vorher reichlich essen und es auf der Argo blökt und meckert, dann...
ARGONAUT: Ich esse alles, was sich kauen lässt, was auf Hufen geht noch lieber, nur nicht Kentauren. Aber da tobt dieser blöde Riesenkerl für seinen bösgesinnten König, rastlos. Wenn der Blechmann frisst, wie er mit Steinen schmeißt, wäre es billiger, der König lädt uns in sein Haus für Wochen und gibt noch reichlich guten Vorrat mit...

MEDEIA: Der wird noch müde. Talos, Sonnenbrüderchen, du solltest ruhen so wie alle, wenn die Sonne sinkt, so wie der König ruht, die Sonnenkönigin und ihre Kinder, süß im Schlummer, nah am Tod. Ruhen wie des Kreterkönigs Stiermann ruht von dunklen Gängen in den dunklen Gängen, in seiner blauen Sternenhaut der Sonnenenkel ruhen wird, süß wie Absyrtos. Schlaf, Brüderchen...

ARGONAUT: Ah, er schwankt. Ach nein, er hat sich nur den Fuß vertreten, angestoßen an der Hütte da, hat einen Ochsen übersehen, ist ausgerutscht auf einer Robbe.
ARGONAUT: Jetzt wirft er wieder. Viel zu kurz. Da, er bleibt stehen, lässt die Steine fallen. Er setzt sich hin. Sein Kopf sinkt in die Hände... Jetzt sinkt er auf die Seite, kippt...
ARGONAUT: Du meine Fresse, so wirkt das Singen einer Sonnentochter.

Jetzt schnell zum Ufer, sagt Medeia, ich muss an Land. Und Iason sagt, jetzt, Männer, schnell zum Ufer, Medeia will an Land.
Wer führt das Schiff? Wenn es um Riesen geht, Medeia. Was macht sie da? Sie streichelt einen Bronze-Fuß und singt und nestelt. Es scheint, der Riese schrumpft: Er schrumpft tatsächlich. Jetzt fällt er auseinander. Nein, er ist weg. Im Kies liegt seine Haut, ein wirrer Haufen Bronzebleche.
Jetzt, sagt Medeia, holt das Wasser, dann die Schafe, dann nehmt von der Bronze, was die Argo tragen kann. Die Männer tun es, seltsam still.

MEDEIA: Sein weißes Blut floss in die Felsen, lebt dort weiter, weil es nicht sterben kann. Du wirst es sehen, Iason, in den Felsen leuchten, wenn der Mond scheint. Er hielt den Krieg von Kreta fern, der wird jetzt kommen. Was von der Bronze liegen bleibt, reicht noch für tausend Schwerter, tausend Lanzenspitzen. Die Welt ist ärmer, Iason, ohne Talos.

VIII Iolkos: Pelias

Nacht ist über Iolkos, Pelias schläft im breiten Bett des Königs, träumt in den weichen Fellen: Pelias treibt die weißen Pferde, lässt den Wagen rasen. Viele Wagen rollen vor ihm in der Ebene, darauf Männer ihre Pferde treiben, alle weiß in weißem Staub. Viele Wagen fahren rechts und links und hinter ihm, er hört die Hufe donnern. Weit vorn schimmert eine große Stadt wie Silber. Dichter wird der Staub, wie Meerschaum dicht, schluckt Räderspuren, Räder, Wagen, Leiber, die Geräusche.
Oben ziehen Sternenherden übers Dunkel, sprühen Funken. Alle haben eine Richtung, ziehen mit Pelias. Dann fallen welche, andre steigen, wieder andre schießen rechts und links davon, drehen sich, kehren um. Dann platzt der Himmel auf und auf Iolkos fallen Licht und dunkle Vögel.
Pelias erwacht mit Furcht im Herzen, Zittern in den Händen.

PELIAS: Das war ein Wahrtraum, vorgetreten aus dem Tor der Sonne abends. Kein guter, sagt mein Herz und sagen meine Hände. Doch konnte ich nicht sehen, wer vor mir fuhr und wer mir hinterher gefahren ist. Niemand rief und niemand winkte, alle sahen nur nach vorn auf Iolkos, das ein andres Iolkos war. Kein Unheil war den Wagenlenkern anzusehen und auch nichts anderes. Keiner der Sterne sprach, warnte, forderte und drohte. Trotzdem fiel der Himmel auf den armen Pelias, fiel auf das silberweiße Iolkos Hell und Dunkel. In weißen Pferden spricht der Pferdegott, im Staub der Unterirdische, im Schaum das Meer... So sprechen meine Väter, wenn es wahr ist. Wahr wird, was ich träumte, weil ich König bin und Wahres träumen muss. Muss ich denn wissen was?

Spricht jetzt in den dunklen Spiegel, in polierte Bronze, in den blauen Kessel, spricht in die Anderwelt, sich an...

PELIAS: Das Alter reibt mich auf, reibt mir den König von den Knochen. Ein guter König, tüchtig im Krieg, tüchtig im Frieden, meist gerecht und öfter laut, das war ich. Sie lächeln, wenn ich komme, kürzer als früher, aber wie es sich gehört. Und wenn ich gehe, mühsam, sehen sie mir nach, nicht länger, aber anders als vor zwanzig Jahren. Sie waren Kinder, als ich schon der gute König war, noch nicht geboren, als die Sänger Lieder sangen von Pelias, dem Heros, Beutegeber, Schirmer, Schalk. Sie wären nicht geboren worden, wenn... Ach was: Da sind sie.
Niemand nahm, ohne zu geben, sollte dienen ohne guten Lohn, ging ungehört, ging es nach mir. Ich konnte Wetter machen und ich machte gute Wetter. Noch heute muss in Iolkos niemand hungern, wenn, was ich glaube, stimmt.
Ich hatte Freunde, wenn ein König Freunde hat. Als ich jung war... Vor Jahren starb der letzte, stumm seit Jahren. Gesichter seh ich keine mehr, doch gab es sie. Jetzt habe ich Diener, gute Leute, alle fremd.
Sie wissen, was ich weiß, und warten. Auf den nächsten guten König, tüchtig im Krieg, tüchtig im Frieden, meistens gerecht, im Geben und im Nehmen... Die guten Hände über Iolkos. Ob die demnächst Iason heißen? Und ich: Der Alte, wie war gleich der Name, der von Früher, der den Iason schickte, Iason, der das Fell des Lebens und den Regen brachte? Ich kenn den Burschen nicht und er kennt Iolkos nicht. Alkestis kennt es. Ihn wird sie kennenlernen.

Jener vor und jener andere im Spiegel, Pelias, der König mit den greisen Köpfen, nickt. Es dämmert.

VIIII Iolkos: Die Argonauten, Pelias und Phrixos

Viele Schritte, Staub steigt auf, und Männer-, Frauen-, Kinderstimmen überm Markt von Iolkos.

LEUTE: Jetzt sind sie alle drinnen mit der Haut aus Aia, Iolkos Stolz bei Iolkos Stolz, dem König. Ein wenig welk, der Gute, neuerdings. Ihm geht’s wie allen, die nicht jünger werden. Sieh dir meinen Kopf an: Als hätte da der Mond gescheuert oder Korn gemahlen meine Frau....
Nur Tiphys fehlt. Von Bord ist der gekippt oder einfach übers Meer davon gegangen nachts. Fieber, heißt es, oder Wein und Mädchen aus dem Meer. Um den ist es schade. Sei gestern heult und klagt und schreit das Meer an seine Frau, verflucht den Fremden und die Fremde...
Sie sehen gut aus, unsere Jungs. Sonnendunkel und mit Armen, die ein anderer gern als Beine hätte. Ein bisschen schlampig, abgerissen und verdreckt... Dich möcht ich sehen, wie du vom Meer kommst, nach einem Jahr an Küsten, wo statt Schafen Greifen weiden, Sphingen und Chimären. Du hättest keinen ganzen Faden mehr am Leib, nichts an den Füßen und du wärst zwei Köpfe kleiner...
Köpfe haben nur die schwarzen Kolcher, die weißen Kolcher haben keinen... Admetos hat's erzählt. Sie haben Augen rundherum und wo wir einen Nabel haben, ist der Mund. Wenn die sich anziehen, sind sie blind... Es gäbe da nicht viel zu sehen und meistens ist es dunkel. Zetes sagt das. Und was, sagt Zetes, essen Kolcher? Na Drachen. Die sind auch im Dunkeln leicht zu finden und so ein Drachen reicht für Wochen. Sie trinken dazu Dunkelwein.
Wenn sich im Dunkeln dunkle Kolcher mit den hellen Kolchern paaren, gibt’s gestreifte Kinder und gefleckte, je nach dem, wer Vater ist. Nein, das stimmt nicht! Zwerge kommen da heraus, die sehen aus wie wir, nur kleiner.
Mammi, was sind Zwerge? Kleine Menschen in der Barbarei, die ihre Mütter in den Wahnsinn treiben... Warum? Weil die den Müttern dauernd in den Ohren liegen, immer alles wissen wollen. Gibt’s die auch bei uns? Ich zeig sie dir im Brunnen, wenn wir abends Wasser holen. Hier werden sie nur größer, weil's in Iolkos keine Drachen gibt. Mammi, was sind Drachen? Große Tiere, die nicht schmecken...
Nicht groß, die Haut des Phrixos. Ich hab gedacht... Ein Schaffell eben, zugegeben gelb, fast golden... Das soll zaubern können? Die Fremde, die sich Iason mitgebracht hat, weiß wie's geht, sagt Mopsos. Sie wäre eine Königstochter und Medeia heißt sie. Aus Aia? Nein, just von den dunklen Kolchern soll sie sein. So wie sie aussieht, muss sie eine Königstochter sein. Stattlich, stolz, zum Fürchten, die geborene Königin. Diese Augen, und der Blick erst...
Ihr böser Vater wollte sie dem Drachen geben, verfüttern an ein Aresuntier, groß wie die Argo. Nein, noch viel größer. Allein ins Maul hätte das Schiff hineingepasst. Iason hat sie gerettet, ganz allein mit seinem Messer hat er den Drachen umgebracht. Hat er das gesagt? Akastos hat's erzählt. Iason saß nur still dabei und hat genickt. Wirklich bescheiden, dieser Iason...
Heiraten werden sie, der Iason die Medeia. Dann siehst du, wie die kleinen Kolcher aussehen. Ich sage: bernsteinfarben und mit Wuschelkopf. Genau wie meine...
Alkestis kriegt statt Iason den Admetos. Ach, die Ärmste... Was denn? Sie kriegt, was ihr versprochen wurde, einen Guten. Admetos ist so gut wie Iason. Noch besser, außer wenn's ums Drachentöten geht. Er ist ein sicherer Minyer und ein Aolide, lacht gern und kennt das Land, die Leute. Für sie ist gesorgt und für uns alle. Sollte unser König einmal sterben, gibt es den neuen schon. Tüchtig, wie ein König sein soll, verständig, schlau in Krieg und Frieden und manchmal unbeherrscht, ein guter Brüller.
Akastos könnte Hippolyte... Na, das gibt Spaß! Die Glucke Peisidike Zetes, das gäbe Vögelchen ... Pelopeia Orpheus, denk mal, bei den Stimmen, das Geschrei, und wie die Dächer beben... Nee, was ihr redet...
Aber seht mal, Mensch, sind das... Wolken. Leute, ist das... Regen!

Männer-, Frauen-, Kinderstimmen überm Markt von Iolkos. Dann das Geräusch von dicken Regentropfen, von Ledersohlen, vieler Schritte, hastig, sie entfernen sich, bis nur noch Regen redet und in seinem Haus der alte König mit dem alten König.

PELIAS: Es ist nicht groß, das Fell, die Haut des Phrixos. Wenn ich mich draufleg, stehen die Beine über. Ein Schaffell eben, alt und staubig. Aber wenn Phrixos klein war, als er floh, dann ist es groß genug. Ein warmes Stück der Welt, darauf zu sitzen und zu schweigen. Ich hör es draußen rauschen, sehe ins Feuer Tropfen fallen: Doch, es ist das Richtige. Ich schicke es nach Orchomenos weiter, soll es dort leuchten, wenn es kann.
Iason wird es bringen. Wirklich ein guter Junge. Beredet ist es und beschlossen. Der Fremde hat die Fremde. Alkestis nimmt Admetos, den sie kennt, und gerne, wie es aussieht, einen sicheren Minyer. Der Aiolide folgt ihr in das Haus der Aioliden hier in Iolkos und wird König, wenn ich tot bin. Das ist gut, und wär ein guter Streich, wenn's einer wäre... Sie ist die Löwin, er der Eber im Gespann.
Medeia heiratet den Iason, bleibt oder geht mit ihm wohin er wollen wird, reichlich beschenkt, versteht sich. Er schien sogar verlegen...
Wie sie mich angesehen hat, die schöne Frau aus Aia, den alten Mann, der ihr den Iason schickte. Nicht gut, nicht böse, nicht wie alle. Und wie sie ihren Namen nannte, den des Vaters und ihr Land. Das hieß...

MEDEIA: Sag nichts! Du hättest selber gehen können, alter Mann, jung wärst du wieder und vertraut mit Drachen.

PELIAS: Ich hätte selber gehen sollen, jung wär ich wieder und vertraut mit Drachen. Ich wüsste auch, wohin ich einmal kommen werde, wenn ich endlich gehen muss. Oder ich wäre dort geblieben, hätte meinen müden Knochen einen letzten Weg erspart.

Dann schläft er ein und träumt. Er steht im Wagen, treibt die weißen Pferde, lässt den Wagen rasen. Viele Wagen rollen vor ihm in der Ebene, darauf Männer ihre Pferde treiben, alle weiß in weißem Staub. Viele Wagen fahren rechts und links und hinter ihm, er hört die Hufe donnern. Weit vorn schimmert eine große Stadt wie Silber. Rechts fährt Phrixos, winkt und ruft.

PHRIXOS: Hey Pelias! Schön, dass du mit mir kommst. Schickt dich die Medeia oder willst du selbst nach Aia? Gut haben's da die alte Könige, bei Aietes und bei seiner großen Königin. Platz ist genug im Haus der dunklen Sonne. Erzähle ihnen etwas, das sie noch nicht wissen, denn das freut sie.

Dichter wird der Staub, wie Salz und Meerschaum, dicht wie alter Schnee, schluckt Räder, Wagen, Leiber, die Geräusche.

X Iolkos: Spiele

Neun Tage klagt die Stadt, dann begräbt und ehrt mit Freude Iolkos seinen toten König, ehrt die Lebenden und ehrt sich selbst, die helle, schöne Welt mit Lärmen, auch mit Hufschlag, Staubaufwirbeln, Würfen nach dem Nichts, mit weiten Sprüngen und Gerenne. Schreie steigen auf zum weiten Himmel, Ächzen, Jubel, Stöhnen, Kichern, Seufzen und Gerede, ernste Worte und Gesang.

LEUTE: Hippasos führt, jetzt kommt Asterion heran, dicht dran der Kastor... Beim weiten Himmel, was für Pferde, schöner als erlaubt...
Admetos hält sich, hält noch mit. Hey Admetos, mach uns keine Schande! Euphemos kommt von hinten...
Was? Das ist doch gar nicht möglich, wie mit einmal seine Gäule laufen. Admetos hat er wirklich abgehängt, jetzt den Asterion, ist vorbei an Kastor, neben Hippasos...
Als würden sie zu zweit vier Pferde lenken... Gibt’s ein Unentschieden?
Jetzt dreschen beide ihre Pferde! Und hinten hat's gekracht. O je, die schönen Wagen...
Was für ein Rennen... Euphemos hat gewonnen.

ARGONAUT: Wohin gehst du, Orpheus? Was? Das ist nicht wahr... Du bist verrückt, mein Guter. Aber, wenn du wieder kommst, dann singen wir zusammen, du von Schafen, ich von Drachen, und meine Liebste gruselt sich und kocht was Gutes. Rost singt mit Wohlklang, von den schönen Bäumen und den schönen Mädchen und wie groß die Welt ist... Sehen wir uns den Faustkampf an? Na dann. Denk dran, wenn's dunkel ist, in Iolkos wohnt ein Freund und denkt an Orpheus. Viel Glück, mein Alter!

LEUTE: Ein guter Kampf. Erst hat Mopsos ausgeteilt, dann ist er umgefallen...Wie von der Axt fällt eine Fichte.
Ein Seher sollte doch die Schläge kommen sehen... Aber plötzlich lag er lang im Sand, und wenn er etwas sah, dann sah er seine Vögel hoch am Himmel, die sich lustig machten über ihn, hörte, wenn er hörte, lautes Lachen.
Einzustecken weiß Admetos, auszuteilen auch, da siehst du einen guten König, wie er sein soll...
Nächstens Grün und Blau unter den Augen, blutig am Ohr und an der Nase, aber unbezwungen...
Ich sag doch, Mopsos weißt die Zukunft. Doch leider ungenau...

IASON: Admetos ist mein Freund, Medeia, ein Freund ist auch Akastos. In Iolkos sind die Männer tüchtig, gut sind die Frauen, erfahren in den Künsten, gut ist der Oktopus in Rotwein, sind Käse, Fleisch und Brot. Groß sind die Herden, gut das Wasser. Was Aison hatte, werde ich bekommen, und noch etwas dazu. Es lebt sich gut in Iolkos, wenn man gut zu leben hat. Ich will hier heimisch werden. Ah, sie rufen mich...

LEUTE: Was Peleus fasst, das hält er fest. Als würde er nur Steine fressen morgens und an Balken nagen abends. Ein Mann der Berge...
Aber das war Iason auch! Jetzt hat er ihn und zieht ihn übern Platz... Oje. Gehabt.
Schnell ist Iason, nur zu leicht. Ein schlauer Kerl, geschickt, sehr mutig, meererfahren.
Mut hat er, hier beim Ringen anzutreten gegen diesen Pilionsbrocken... Wenn das noch Mut ist.
Oder Mut war nach dem Drachen. Ich wette auf den Meermann mit dem Drachenschwanz.
Ich setze auf die Felsenklammer. Kupfer gegen Netz und Strick, Stein gegen Messer, Lehm gegen Laub...
O Mann, verloren. Es siegt der Aiakide Peleus...
ARGONAUT: Wenn den Knoten jemand wieder aufkriegt, dann Medeia. Ob sie zugesehen hat? Der arme Iason...
ARGONAUT: Da stehen sie. Und Iason schwankt nicht mal. Donnerwetter, das ist Haltung...
ARGONAUT: Sehen wir uns noch? Ach, morgen schon?

MEDEIA: Dein Freund Admetos wird dich bitten: Bleib, Iason, bleib und nimm. Admetos ist noch jung und ahnungslos; das bleibt er nicht. Reichlich wird er geben, gern, das glaubt er ehrlich, und wird es doch bereuen. Du wolltest König werden, wo er König ist, und seine Frau wäre die deine, ohne mich, Medeia... Der Stachel sitzt, nicht nur bei ihm. Du wirst ihn fühlen lassen, er wäre König nur durch dich und mich, auch wenn du glaubst, du sähest ihn gern im Haus des Pelias. Bald wird er dir misstrauen, dich endlich hassen und mich fürchten. Das heilst du nicht. Wenn du sein Freund sein willst, dann gehst du.

LEUTE: Ja, glaubt man's denn? Der Boreade läuft als Letzter...
Zetes ist's zu eng da vorn, fünf Läufer rangeln miteinander und schieben sich, geschoben von den Göttern.
Lauf mal mit Flügeln an den Füßen, die ein Gott verklebt hat, die eine Göttin kräftig anbläst von der Seite. Siehst du den Staub? Der rollt wie eine Kugel.
Wenn du mich fragst, es rollt da einer... Schon liegen sie im Dreck und spucken, Sand und Pferdemist. Nur Iphiklos läuft noch und Zetes ist ein kleiner Punkt am Himmel.
Da ist er wieder... Gleich stieben hier die Federn. Nee, Sand stiebt, beide fliegen, einer übern andern...
Unentschieden, sagt Akastos.
ARGONAUT: Der Junge hat dazu gelernt und macht was draus.
ARGONAUT: Weit wird er's bringen...
ARGONAUT: Wir sehen uns gewiss, wann, weiß ein Daimon sicher.
ARGONAUT: In Freundschaft, erst in dieser Welt, dann in der andern, hoffe ich...

MEDEIA: Bald wird es heißen, deinetwegen, Iason, hätte ich den Pelias in den Tod geschickt. Weil ich Medeia bin, die Tochter meines dunklen Vaters. Doch Pelias starb, weil Menschen sterben müssen, wenn sie alt sind. Schuldig war er einen Weg nach Aia, den ist er jetzt gegangen... Er hat nicht schlecht gelebt und war ein guter König. Worum er sich betrogen hat, das weiß er: Um ein zweites, ungelebtes Leben.
Du warst in Aia und du wirst das zweite Leben haben, endlos, wenn du willst, im Unvertrauten heimisch mit Medeia werden in Ephyra. Erst in Thesprotien, dann in Elis, endlich in Korinth. Überall wo aus der Erde wachst das Kraut, gut für das Heilen, gut für das Verderben, für uns beide. Ich habe daran Rechte, die meisten in Korinth, vom Vater her, der sie von seinem Vater hat. Dort kannst du König werden und mit Medeia Iason sein: die Heilung. Willst du? Dann wirst du König in Korinth, der Beste, Iason.

Neun Tage Klage, dann mit Freude ehrt den toten König Iolkos, ehrt am zehnten, elften, zwölften Tag die Lebenden, ehrt sich selbst, die schöne helle Welt mit Essen, Trinken, Lärmen: mit Schreien, Ächzen, Jubeln, Stöhnen, Kichern, Seufzen und Gerede, auch mit Hufschlag, Staubaufwirbeln, Würfen nach dem Nichts, mit weiten Sprüngen und Gerenne, ernsten Worten auch. Dann gehen die Freunde auseinander.

XI Korinth: Iason und Medeia

Auf weißen Steinen unterm Blau des ungeheuren Himmels liegt die Argo, klein zwischen Meeren, stumm, die Augen fest geschlossen. Zwölf, vierzehn, sechzehn, achtzehn, zwanzig Jahre: Wer zählt schon mit, wenn alle Jahre gut sind.
Kleine Kriege gab es, wenige, verirrt und schnell beendet. Seuchen gibt es nicht mehr, Hungersnöte keine, das Vieh vermehrt sich und gedeiht, gut sind die Ernten, Schiffe kommen, Schiffe fahren ab, Steinschneider, Töpfer, Weberinnen, Schmiede haben gut zu tun und davon gut zu leben. Korinth geht’s gut und gut geht’s den Korinthern.

Iason ist König, gut und verständig, wie ein König sein soll, in Krieg und Frieden tüchtig, ein guter Brüller, eine Hand, die gerne nimmt und gibt.
Wenn ihn geben, nehmen lässt die Königin. Medeia dient Korinth mit Strenge, der Göttin Hera, der Hekate und dem Helios. Wenn Iason Wetter macht, macht sie das Wetter, spricht Recht, wenn Iason Recht spricht, allen gleich. Niemand nimmt, ohne zu geben, dient ohne guten Lohn, geht ungehört: Weil sie es will. Das wissen alle.
Freunde hat sie keine, nur ihr stetes Wesen, ihre Fremdheit und die Furcht an ihrer Seite. Nur Diener, still, verschlossen, stumm.
Freunde hat auch Iason nicht. Nimm das, Iason, gib jenes, weil, du kannst es! Und Iason gibt und nimmt und gibt. Doch niemand ist zufrieden.

Mit allen Nachbarn und den Göttern lebt Korinth in Frieden. Doch lebt es nicht in Frieden mit sich selbst. Die Großen von Korinth, wenn Gold und Bernstein, Bronze, fremde Arbeit groß macht, sind des langen Friedens müde. Machtlos vor der Fremden, der Herrschaft fern, und ohne Ruhm sind all die Kreons, Kreoniden, reich nur; müde Krieger altern tatenlos und warten auf den Tod.
Sie waren Kinder, als Iason schon der gute König war, die gute Königin Medeia, noch nicht geboren, als die Sänger Lieder sangen von Iason und dem Vlies, vom Heros, Beutegeber, Schirmer, Schalk, vom Drachen und der Schönen aus der Fremde. Hören, seit sie hören können, von der Seuche, die Medeia bannte, vom Hunger, den geheilt hat Iason.
Jedoch, indes sie altern, bleibt Medeia jung und schön und schrecklich, altert Iason kaum oder nach innen. Als wäre keine Zeit verstrichen, als wäre anders in der Burg, was den Korinthern Zeit ist. Medeia kennt das Kraut des langen jungen Lebens, heißt es, sie hat es von den Göttern.
Sie hat Kinder, weiß die Stadt, doch niemand sieht sie; von sieben Jungen, sieben Mädchen wird erzählt, sechs oder zwei in sechzehn, achtzehn, zwanzig Jahren. Wer zählt schon mit, wenn alle Jahre gleich sind. Sie verschwanden, kaum geboren, wurden unsichtbar.
Kinder sterben häufig, doch nicht diese. Denn Medeia kennt das Kraut des langen jungen Lebens, also? Die Kinder sind bei Cheiron, auf den Inseln, sind bei Hera in der Hut, wohnen auf dem Berg im Haus der Göttin, nein, nicht tot, nur sind sie gut verborgen. Seltsames geht im Dunkeln um, so sagen die Korinther: Wenn Medeia singt, dann zaubert sie. Wir brauchen einen König in Korinth, verwandt mit allen, unseren Familien. Korinth kann keine Fremde wollen, eine Zauberin, die einen fremden König führt und seine Kinder vor dem Volk versteckt. So reden sie mit ihrem Spiegelbild, die Besten von Korinth vom Besten für Korinth, hinter Mauern und verschlossenen Türen, sich gut zu.

Das Beste für Korinth sind Iason und Medeia. Wer Augen hat, der sieht es, wer blind ist, hört davon: Ein gottgleich schönes Paar herrscht in Korinth, gut und verständig, schrecklich geliebt von allen Göttern.
Seltsames aber sieht die Königin Medeia, wenn sie den König Iason sieht: Er wird weniger, ist nie derselbe, selten heiter, kratzt sich unfroh, oft wie rasend. Seltsames hört der König fordern eine fremde Frau, schön wie die Sonne und ihm zugetan, seltsam vertraut, immer dieselbe, immer gleich.


MEDEIA: Du warst ein Anderer in Aia, anders auf der Argo, anders als wir hierher kamen. Wer bist du, Iason?

IASON: Ich bin fest gewachsen auf den Steinen von Korinth, gebe, nehme was ich kann, mache Wetter, wahre Recht, rede mit Fremden... Das kann ich gut, bin ich doch selbst, was ich nicht sein will, fremd hier. Ich bin Iason, König in Korinth.

MEDEIA: Es drängt dich in die Mühsal eines langen jungen Lebens, dachte ich.

IASON: Es drängte mich ein Drachen und mein Alter. Jung bin ich nicht, ich sehe nur so aus. Warum muss ich bleiben, fremd und für die Fremden König, ohne Freunde, streng und tüchtig, deinetwegen, immer? Den Korinthern geht es gut, ging es nie besser.

MEDEIA: Dann mach die Augen zu für eine Woche, dann mach sie wieder auf, ach, nach einem Tag sieh nach: Ob niemand nahm, ohne zu geben. Ob niemand leiden muss, über sein Los hinaus. Denn dafür lebst du, dafür schickte Cheiron dich ins fremde Iolkos, schickte Iolkos dich ins Anderland nach Aia zu Medeia, damit du Iason wirst. Du hast ein schönes Amt: Du hilfst dem Wetter, gut zu sein, und den Korinthern aus den Raubtierhäuten, redest verständig mit den Fremden, um sie dir und mir vertraut zu machen, hier in der Anderzeit.

IASON: Mein Amt ist schön: Nimm das, Iason, gib jenes, weil, du kannst es! Doch niemand ist zufrieden. Schnell sind die Tage, kurz und sandig; alle gleich, sie reiben mir die Jugend von den Knochen, schneller als du sie aufträgst. Und noch etwas anderes greift nach mir, ich weiß nicht was: Es spricht. Ich seh mich gehen, klein zwischen weißen Mauern, nachts, wenn ich träume. Ich steige über Stufen, komme an ein Tor, das offen steht, und noch eins. Dann kommt ein Tor, das ist geschlossen, aber nicht verriegelt. Ich stehe lang davor, stoße es auf. Gehe in der Halle auf ein Feuer zu, das zwischen Säulen brennt. Dahinter sitzen sie und stehen, dunkle Männer, dunkle Frauen sehen mich aus hellen Augen an, als hätten sie gewartet.

MEDEIA: Und was du hörst, sind Schritte, Stimmen hinter dir und das Gebell von Hunden. Wenn du dich umdrehst, wirst du fallen. Wenn Du fremd bist, Iason, was bin ich in dieser Welt? Du bleibst fremd, weil ich dich brauche...

Einen immer jungen König sehen die Korinther, eine immer junge Königin, ein schrecklich starkes, schönes Paar zusammen stehen, gehen, sitzen, strahlend lächeln und dem Volk, den Göttern dienen. Alles ist gut, so wie es sein soll. Fast. Fast jeden Tag. Fast richtig. Fast vertraut. Was die Leute hören ist Gesang, zu schön, um schön zu sein.

LEUTE: Jetzt singt sie wieder. Das hält Drachen fern... Ich wollte, einer käme, besser zwei. Weg sind die Riesen aus dem Land und die gottgenährten Halsabschneider an den Straßen sind davongelaufen, kein Ungeheuer lässt sich sehen in den nahen Meeren. Satt ist das Volk, schon mit dem Wenigen zufrieden: Arbeiten und Feste feiern, Kinder machen und auf dem Markt stehen, übers Wetter reden und wie es in den Gärten wächst. Gut geht’s den Händen und die Händler werden fett. Was für ein Leben.
Die Edlen von Korinth braucht nur noch Iason, seinen Ruhm zu hören, uns braucht im Rat Medeia, um zu nicken, stille Diener, stumme Boten...
Sie altert nicht. Und von Iason schabt sie ab das Alter... Wenn sie nicht schabt, dann singt sie fremde Worte, redet mit den Göttern. Sie schläft wohl nie. Still! Hört ihr sie? Jetzt singt sie wieder.
Nur Iason blutet rot. Ich habe es gesehen beim Gelage, als er einen Apfel schälte. Medeia blutet, so wie alle Frauen, aber weiß, sagt eine Dienerin. Es sähe aus wie Mondlicht.
Sikyon könnte sie uns geben. Auch Megara, Theben, Argos... Und hin und wieder einen guten Krieg.
Willst du sie darum bitten? Ihr redet, passt bloß auf... Die Frau hat gute Ohren und wenn sie will, dann singt sie uns aus unseren Schuhen.
Warum nur kam sie nach Korinth?

MEDEIA: Ja, warum kam ich? Wegen eines Fremden. Weil ich helfen muss, und Iason kam, der meine Hilfe brauchte. Weil selbst Götter etwas brauchen, das sie braucht, und handeln lässt. Weil ich ohne Platz nicht stehen kann und ohne Taten stumm, nicht bin. Weil hier mein Haus sein soll... Weil ich nicht zurück nach Aia kann.
Und weil Korinth mich rief. Es rief mich doch die Stadt, vor 20, 30 Jahren... Arm war Korinth und konnte sich nicht selber helfen. Ich, eine Fremde, wehrte Fremden ab die Seuchen und den Hunger. Jetzt reden sie, als wäre, was ich brachte, Schaden.
Fremd bleibe ich, hier bei den einmal Lebenden, in der Stadt der Blinden... Auch weil der eine Fremde nicht genügt, nicht dieser. Es musste Iason sein; es war doch Iason? Kirke lebt mit ihren Tieren und allein... Ich kann das nicht.
Ach, sollen sie doch reden. Und daran ersticken. Sie müssen mich nicht wollen. Muss ich gut sein?

Medeia hört das Reden nachts, wenn sie mit ihrem Bild im Kessel spricht. Es klingt wie Wasser, wenn es gerade siedet, doch sie hört es, selbst wenn Wind geht, wenn der Mond dröhnt, kichert, zirpt und schaukelt, weiße Fäden zieht.
Iason hört das Reden täglich an, die Väter fordern in der Halle, müde und verbittert, davor die Söhne, heftig, laut und ahnungslos von Ehre reden, Ruhm und Vaterland und Freiheit. Hört, was er hören will, hört, was sie ihn hören lassen, was in Iason Iason hören muss.

LEUTE: Kinder binden die Familien aneinander fest, sie bündeln Seelen, Wünsche, Hände, den Gewinn. Du hast Söhne, Töchter, heißt es, und wir haben Töchter, Söhne... Nenn uns deinen Brautpreis, Iason, was du gibst und was du nimmst.
IASON: Die Kinder sind bei Hera in der Burg... Sie werden dort erzogen. Und bei Cheiron. Sie lernen wie die Hasen laufen, was Hände heilen, was Gesang, was Bäume sind.
LEUTE: Frag Medeia nach dem Pharmakon. Wo wächst das Kraut des langen Lebens ohne Alter, das sie von den Göttern hat, allein für sich...
IASON: Das Kraut wächst in der Ephyraia und ist schwer zu finden. Geht und sucht es.
LEUTE: Es sollte einen neuen guten König haben Sikyon. Auch Megara, Theben, Argos und Mykene...
Ruhm kannst du geben, Macht und Beute, die Herrschaft den Korinthern über Hellas, uns, den Gefährten, Freunden eines großen Helden, des guten, des gerechten Königs Iason. Wirst du es ihr sagen, du, unser Stolz und Stolz aller Archaer?
IASON: Ich sage, was sie sagen wird: Wenn es die Götter wollen, brennt Korinth, jedoch nicht euretwegen. Wenn ihr Krieg sucht, der ist leicht zu finden. Nehmt ein Schiff und fahrt, ihr habt ihn in drei Tagen sicher. Überlebt ihr und von den anderen genug, dann folgt er euch. Folgt er euch, dann hofft nicht auf Medeia. Dann bleibt ihr draußen bei den Hunden und den wilden Vögeln, weit weg von Korinth.

Die einen gehen, andre bleiben, andre wachsen nach. Iason hört nur, was er hören kann und will, wie alle. Er weiß, was er nicht wissen will, am Ende trotzdem. Er fragt, was er nicht fragen, sagt, was er nicht sagen sollte.

XII Korinth: Medeia und Iason

Sterne ziehen über dunkles Blau, trunken, bös, sie sprühen Funken. Dann fallen welche, platzen, andre steigen, andre trudeln rechts und links davon, drehen sich, torkeln, kehren um. Unten schläft Korinth und die Korinther liegen fest in ihren dunklen Träumen, wunschgenährt, genährt von Ängsten, ausgetreten aus dem Tor aus Elfenbein.
Stimmen sind zu hören aus dem blauen Licht, sprechen hinter blauen Fenstern mit der Dunkelheit, schon nicht mehr miteinander, müde...

MEDEIA: Lichter über bleiche Wiesen wandern rechts und links und Hunde bellen scharf, dann Schritte hinter dir; nichts brachte dich dazu, dich umzuwenden... Du könntest dich erinnern Iason, denn du bist einmal dort gewesen. Was kümmert dich der Zeiten Umlauf, was müssen dich die Jahre kümmern? Ob es zwanzig sind, ob eins, es ist dasselbe. Warum fragst du? Die Kinder sind nicht hier.

IASON: Ich bin sterblich, alt im Körper eines jungen Mannes. Deine Jahre sind wie Wasser, meine Messer. Klingen schneiden. Kinder binden Seelen, Hände, den Gewinn. Wenn es nicht die Zeit ist... Ich will sie sehen.

MEDEIA: Wessen Kinder, Iason? Ich habe sie geboren, du gezeugt, Absyrtos starb um ihretwegen.

IASON: Wo sind sie?

MEDEIA: Deine Kinder... Auf Lemnos lernten sie, was auch Absyrtos lernen musste, wie Verrat sich anfühlt. Du solltest mich nicht fragen. Hab mit dir selbst Erbarmen... Du weißt, von wem du sprichst, wenn du von Iason sprichst?

IASON: Ich bin der, der bis nach Aia kam, den fünfzig Männer bis nach Aia brachten. Du hast den Drachen überwältigt, mich herausgeholt und uns zurück gebracht. Orpheus hat mich übersungen, mit dem Schiff sprach Tiphys und die Boreaden mit den Vögeln. Vor Kreta hätte uns der Durst geschluckt, das Meer gefressen, ohne dich. Du hast Recht, das nimmt mir niemand: Hey Leute, kennt ihr Iason? Das ist der Heros mit dem goldenen Fell, der rein nach Aia und damit wieder rausgekommen ist...
Mein Vater war ein Schattenmann und meine Mutter Schweigen. Ich habe mich gerühmt in Iolkos mit der Kunst des Cheiron, Jagd, Heilung und Gesang. Das ist vorbei, als wäre ich nicht, was ich gewesen: Du hast mich singen hören. Trotzdem, ich hätte Jäger werden können auf dem Pilion, mit dem Wenigen zufrieden, ein Kräutersammler, Bienenhirte, Sänger unter Bäumen. Das werde ich nicht mehr. Wie ein Sack voll Steine drückt der Name Iason. Müde bin ich, matt sind meine Hände, ungeübt in allem. Wo sind unsere Kinder?

MEDEIA: Unsere... Die Götter wollen nicht, dass sie bei dir sind und bei mir. Ich kann es, sagte Hera, die uns beieinander wollte: Ich könne sie unsterblich machen. Mit Feuer, Wasser und dem Pharmakon der Götter, im Verborgenen. Weil ich sie liebe, konnte ich nicht zusehen, wie sie sterben, ich die Mutter, die nicht sterben kann, wie du, der Vater, der nicht altert, sie nicht sterben sehen sollte.
Was in ihnen Iason war, ist bei der Hera, was an ihnen von Medeia, spielt mit dem Kind Absyrtos... Du solltest mich nicht fragen.

IASON: Sind sie gestorben?

MEDEIA: Kinder sind sie jetzt für immer. Sie starben, schon als wir sie machten, wenn das Sterben war: An dir, an mir und an der Stadt aus Stein und Missgunst, Wünschen, Gier: Korinth. Ich konnte sie nicht halten. Tot sind sie nicht, nur in der nächsten Fremde, unerreichbar. Sie sind bei meinem Vater, leben in Aia, in der Anderwelt. Verzeihst du mir?
Es werden die Korinther diese fremden Kinder ehren, in ihren leeren Gräbern, mich und dich. Du schweigst? Du musst nichts sagen... Es tut weh, ich weiß.
Ach Scheiße, Iason. Die Fremde mit dem Fremden: Wir sollten miteinander sein, dein Unglück mit dem meinen, vielleicht glücklich. Sind wir es je gewesen? Ich verzeih mir nicht...

IASON: Als ich dich nicht kannte... Wann? Nein. Als ich dich noch kannte, wenn es je so war. Unsere Kinder... Die Kinder würden uns erinnern. Ja, wann... Ich habe es vergessen. Was hast du gesagt? Dass du mich betrogen hast, war's das?

MEDEIA: Ich muss nicht grausam sein, wenn du es auch nicht bist. Du hattest Mut, nur nicht genug. Orpheus fand in Aia, was du nicht finden wolltest, nahm es. Du gingst nach Iolkos, dann nach Aia, weil du König werden wolltest. Mehr nicht. Nur das. Jetzt bist du König.

IASON: Ja, aus Schilf geflochten, eine Puppe oder weniger. Keinen Tag wär ich es ohne dich gewesen und keinen war ich es mit dir. Wie kann ich König sein, wenn mir die Hände zittern, wenn dein Anblick mir die Knie löst und den Mund schließt. Meine Kinder... Sie wären Könige geworden. Sie hätten mich begraben und beweint.

MEDEIA: Du hast zugestimmt, geschworen auf das Wasser und bei allen Göttern: Iason folgt der losgeschnittenen Medeia in die Welt der Lebenden. Die Steine haben dich gehört, die Bäume, alle Vögel und die Sonne, selbst das Meer... Ich habe dich gehört: Du wolltest Iason werden.
Du hättest bitten können, um einen Platz in Aia. Ist das eine Bitte? Spät, mein Lieber...
Wenn du nicht Iason sein willst, wirst du ein alter Mann, von den Göttern nicht geliebt und nicht von Menschen, allein, nicht glücklich und unglücklich auch nicht, nicht gehasst und nicht mehr zu versöhnen. Wenn du dein Leben nicht erträgst, die Freude, deinen Anteil Schmerz und Schrecken, Angst, das Schöne, mich nicht kennen willst. Du willst nicht mehr, was du gewollt hast? Die Götter hören dich und hören's gerne und dann lachen sie.
Es stimmt. Ich habe dich gemacht. Und Cheiron. Die Argo. Fünfzig Männer und ein Drachen. Korinth und die Korinther. Pelias. Der Schatten und das Schweigen. Du selbst, das auch.
Du gehst in Stücken, wenn ich dich nach Aia lasse, zu den Kindern. Das Kind des Drachen und das meine: Ia und Son. Kein Messer schneidet halb. Und niemand läuft davon. Die Götter wollen Ordnung, ihre: Menschen müssen sterben.
Ich sollte das nicht wollen. Ich bin Medeia, was ich war... Nein. Allein mit mir, dem Mond, den Hunden, Schritten, Stimmen, mit den Schreien des Absyrtos. Ach, Brüderchen...

Medeia sieht den Fremden lange an.

MEDEIA: Es tut mir weh. Ich sollte das nicht wollen. Ja: Wenn du es willst. Dann ist hier nichts zu heilen. Wenn du nicht liebst, bist du nicht Iason. Nur ein Wunsch, den niemand hörte. Viele. Ein Los, das abgelaufen ist. Ein Mann, verloren, nichts. Nicht Iason.

Medeia sieht ihn lange an.

MEDEIA: Sag nichts! Wenn sie dich fragen, sag, Medeia habe dich geschickt. Was an dir Iason war, ist aufgebraucht. Da ist die Tür. Nun geh. Hau ab und such dir einen anderen Namen!

MEDEIA: Er stirbt, wenn ich ihn lasse. Geht zurück nach Aia, das mich ausgestoßen hat für immer. Vielleicht mag mein Vater, was er zu erzählen hat, freut sich an ihm die große Königin der Toten. Ich habe ihn geliebt, den guten Jungen und den Andermann, noch den im Schatten, den Ich-weiß-nicht-wer. War es ein Wunder oder war es keins? Wenn ich zaubern könnte...

Medeia spricht nicht leise, doch Iason hört sie nicht. Er geht wie eine rote Flamme über dem was Holz war, geht, die Augen schwarz, der Blick wie Rauch. Wie einer, wird es später heißen, der geschlagen wurde, einmal zu oft. Und sieht nicht, was er nie gesehen hat, weiß wie Milch, wie Mondlicht blau: Medeia weinen.

Iason ging, es heißt, nach Iolkos. Was willst du, fragte ihn Admetos. Heimisch werden, sagte Iason, nichts, was Admetos noch verstand. Was er denn wolle? Vielleicht König werden? Er, Admetos, wäre König hier in Iolkos, und Iolkos könne keinen zweiten König brauchen. Was er denn wolle, fragte ihn Akastos. Einen Platz zum Schlafen. Er solle ihm zuerst den Hut des Pelias bringen, er wüsste ja, wie er nach Aia komme...
Er fand Orte, um zu bleiben, doch er blieb nie lange. Ging weite Wege, unvertraut wie je, lebte auf den Füßen, doch nicht mehr um zu werden.
Wem er begegnet ist und was er tat, weiß niemand. Jahre später, heißt es, stand ein namenloses Kind im Körper eines Greises vor der Argo, die auf den alten Steinen alt geworden und gestorben war zwischen den Meeren. Saß lange unterm Wrack im Schattengitter und zog Linien in den Staub, erst Schiffe, Vögel und Sirenen, dann Gesichter.

IASON: Bleich wie Knochen liegt es da, das meerbefahrne Holz, seit zwanzig, dreißig, vierzig Jahren: Wer zählt schon mit, wozu? Wenn es noch sprechen könnte und wenn ich verstände, was es sagt: Was sagt es jetzt? Ich hätte auf der Argo bleiben sollen, mit den fünfzig Freunden, mit Medeia. Ich wüsste jetzt, wie groß die Welt ist. Wie man ihr entkommt. Wir waren glücklich auf dem Meer und in der Wüste. Zwei Fremde, Iason und Medeia, beinah gleich, wo alle fremd sind.

Er hörte sich die fremden Worte sprechen. Hörte wie Medeia die vertrauten Worte spricht.

MEDEIA: Wer bist du? Iason?

Saß so bis zum Abend. Dann aus dem Dunkel kamen sie von allen Seiten.

ARGONAUT: Hey, Iason! Gut, dass du uns gerufen hast und mit uns kommen willst. Lass uns sehen, wie's dem Drachen geht in Aia. Und hören, was Medeia singt. Komm, fass mit an.

Dann fügten sie das weiße Holz zusammen, schoben das Schiff ins Meer und fuhren mit ihm ab.
Medeia ging, erst nach Athen, so wird erzählt, dann nach Dortwo weiter irgendwo im Osten. Keiner weiß, wo sie geblieben ist... Doch redet man von ihr.

XIII Milet: Gesang

Wasser schlägt an Steine, träge, Seile scheuern über Holz und Räder rollen, es poltert, schreit und redet, summt. Schritte gehen über Steine, viele, und Männer-, Frauen-, Kinderstimmen steigen auf am Hafen von Miletos...

LEUTE: Ah, da kommt er. Arg schaut er aus, der Alte, stattlich, aber wüst. Der Blick, du meine Güte. Der hat was gesehen und mitgemacht, das kannst du glauben. Mit beiden Händen hat der reingelangt, nach rechts und links gegriffen, aus beiden Tonnen rausgenommen, was die Götter fallen ließen... Von Iason wird er wieder singen, von der Argo und von der Medeia, ganz bestimmt. Wie sie das Fell aus Kolchis holten.
Guck mal wie der aussieht, Mammi, hat der keinen Kamm? Das ist ein Sänger Kind, der darf das nicht, sich kämmen. Warum? Weil ihn die Musen sonst nicht mehr erkennen...
Sieh dir nur seinen Stock an, wie der glänzt, poliert von vielen Händen und von noch mehr Jahren. Wenn der zu singen anfängt: Als wäre er dabei gewesen... Was, du kennst den Iason nicht? Stimmt, du bist ja Kreter. Groß wie ein Riese war der, solche Leute gibt es heut nicht mehr. Der kam vom Pilion. Aus Orchomenos. Nein, aus Iolkos war er und ein Zwerg. Nein, fast so groß wie Herakles, aber viel schneller.
Schön wie die Sonne war Medeia, darum hat der Drache sie verschluckt. Aber nein, wenn ich's dir sage: Iason war im Drachen, eingeschmiert mit Robbenfett und Kolchiskräutern. Der Drache hat ihn ausgespuckt, im hohen Bogen. Und bei den Amazonen ist er auch gewesen...
Die Geschichte hör ich gern. Wie Iason aus dem Drachen rausgekrochen ist und mit dem Messer auf ihn los. Und wie das schöne Sonnenmädchen dann in seine Arme fiel. Mit Blut beschmiert waren sie beide. Doch, sie hat wirklich mit gekämpft, tapfer mit dem Webbaum und den Kräuterwedeln auf das Untier eingeschlagen.
Denk mal, der Iason hatte nur das Messer, zwar von Cheiron, der es von Hephaistos hatte, scharf wie Sonstwas, aber winzig. Der Drache hat nicht schlecht geguckt, als er auf einmal nichts mehr sah... So schnell war Iason!
Dann haben sie gesungen. Das Lied... Das von den Sternenkindern? Nee, irgendwas vom Schlaf und seinen vielen Brüdern. Ich habe nur vergessen, wie es ging. Es soll von Orpheus sein. Sie haben laut gesungen und mit den Kesseln Lärm gemacht, da ist der Drache abgehauen, weg nach Theben.
Was du erzählst! Das weiß doch jedes Kind, der Iason hat den Drachen umgebracht... Erwürgt! Nein, herumgejagt, bis der tot umfiel. Und aus der Haut hat sich Medeia einen großen Hut gemacht, dem Iason einen Mantel, gut wie eine Rüstung. Mit Punkten drauf, ja, Drachenaugen, goldenen Schuppen, Glöckchen... . Gleich wirst du's hören.
Vorher kommt das von den Boreaden und den Hadesvögeln, die gestunken haben wie drei Gerber. Erst die Vögel, dann die schwarzbemähnten Nordwindkinder, bleich wie Schnee und gelb, du weißt schon, längsgestreift... . Der Phineus hat die Argonauten reingelegt, doch Iason, weißt du, der war edel. Er hat gesagt, lasst ihm die Äpfel und das Brot, soll er sie essen. Nur unseren guten Wein aus Iolkos, den kriegt er nicht, den trinken wir.
Drei Pitoi, nicht? Und guter Wein aus Iolkos... Mensch, machst du Witze? Doch, genau so war's, drei Pitoi, eher vier, und guter Wein! Das waren Kerle, meine Fresse. Und danach hat Orpheus noch gesungen, klar und deutlich, wie ein Gott... Das war später, bei der Hochzeit. Auf 'ner Insel, mit Nereiden, auf dem Fell, du weißt schon...
Als die Argonauten Lemnos neu bevölkert haben, gern wäre ich da dabei gewesen... Lass das nicht deine Zarte hören, da kommt was geflogen, ohne Flügel... Ha, ich mag das. Wenn meine große Schöne wütend wird wie die Medeia und mit Zeug wirft, mich nicht trifft. Denn ich bin klein und flink wie Iason. Am Ende liegen wir am Boden, lachen wie die Drachen Tränen, und dann spielen wir, ich bin der Argonaut und sie ist Lemnos.

Still, er fängt jetzt an.

Sagt mir nun, Musen! Die ihr die olympischen Häuser habt – Denn ihr seid Göttinnen und seid zugegen bei allem und wisst alles, Wir aber hören nur die Kunde und wissen gar nichts - :
Erzählt mir vom Mann, von Iason, dem vielgeprüften, wie er mit seinen Gefährten befahren das weite Meer und endlich das Vlies errang des Phrixos und die Liebe der schönen, der klugen Medeia. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte sie kennen; viel auch erlitt er Schmerzen in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte. Ungeheuer sah er und Daimonen, sprach mit Göttern, er, der viel umhergetrieben viel gewagt hat und gewann, am Ende aber alles verlor.
Davon – beginnt, wo ihr wollt – Göttinnen, Töchter des Zeus! Erzählt uns!



Januar-Dezember 2014, Mai 2015


Anmerkung: Der Text folgt nicht der überlieferten Fassung des Stoffs durch Euripides und Apollonios Rhodos, vielmehr habe ich versucht, dem nahe zu kommen, was vor Euripides erzählt wurde bzw. vielleicht hätte erzählt werden können.
Diese älteren Zustände der Geschichten zu erschließen, habe ich die Angaben bei Homer und Hesiod, Pindars 4. phytischen Ode, die Argonautika des Appolonios Rhodos und Pausanias (zu Eumelos von Korinth u.a.) kritisch benutzt, beraten durch die Untersuchungen der Altphilologen und Mythologen Paul Dräger, Paul Friedländer, Karl Kerenyi, Robert Preller, Herman Usener, Ulrich Wilamowitz-Moellendorff, u.a. Der Schluss, eine variierende Zitatmontage, ist von Homer (Übertragung: Wolfgang Schadewaldt).
Die Form des Textes resultiert aus dem Wunsch, das Material der mythologischen Erzählungen in Bewegung zu bringen, es ausschließlich erzählend auszudeuten und komplex zu transportieren, damit also anders umzugehen als die übliche Nacherzählungspraxis von Schwab bis Hermlin, die auf Reduktion, wenn nicht Vernichtung hinausläuft.
Dabei hat sich gezeigt, dass ich mit den alten Geschichten etwas sehr Existenzielles und Gegenwärtiges verhandele: Das Drama der Fremdheit und des verfehlten Lebens, und über das Erzählen und Erzählenlassen der Geschichten auch das Erzählen der Geschichten selbst.

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